Gesundheitsreform: Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich begrüßt Reformwillen, vermisst aber wesentliche Weichenstellungen

Presseinformation vom 2. Juli 2026

Die Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich begrüßt den politischen Willen von Bund, Ländern und Gemeinden, das österreichische Gesundheitssystem zukunftsfit zu machen. Ob die angekündigten Maßnahmen tatsächlich zu einer nachhaltigen Verbesserung der Versorgung führen, wird von ihrer konkreten Umsetzung abhängen.

„Eine Gesundheitsreform ist dringend notwendig. Entscheidend ist aber, dass nicht nur neue Strukturen geschaffen, sondern bestehende Probleme auch tatsächlich gelöst werden. Dafür braucht es die Expertise jener, die das Gesundheitssystem täglich tragen, nämlich der Ärztinnen und Ärzte“, betont ÄKNÖ-Präsident Dr. Harald Schlögel.

Patientenlenkung bleibt zentrale Reformlücke

Kritisch sieht er vor allem, dass eine verbindliche Patientenlenkung im Reformpapier fehlt. Ziel muss es sein, Patientinnen und Patienten rasch und zielgerichtet an jene Versorgungsebene zu führen, auf der sie medizinisch am besten versorgt werden können, sei es die hausärztliche Versorgung, die fachärztliche Behandlung oder das Krankenhaus. Eine solche Steuerung dient nicht nur einer effizienteren Nutzung der vorhandenen Ressourcen, sondern vor allem einer höheren Versorgungsqualität und kürzeren Wartezeiten. Eine bloße Digitalisierung oder organisatorische Umstrukturierung kann diese medizinische Steuerung nicht ersetzen.

Kosten und regionale Unterschiede stärker berücksichtigen

Skeptisch sieht Präsident Schlögel auch die angekündigte strukturelle Neuausrichtung der Versorgungslandschaft. „Einzelordinationen, (fächerübergreifende) Gruppenpraxen, Primärversorgungseinheiten und Primärversorgungsnetzwerke müssen auch künftig gleichwertige Bestandteile einer regional angepassten Versorgungslandschaft bleiben. Ziel darf nicht sein, bewährte Versorgungsformen durch ein einheitliches Organisationsmodell zu ersetzen, sondern die jeweils beste Struktur für die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten vor Ort zu ermöglichen“, betont Schlögel. Gleichzeitig bleibe offen, nach welchen Kriterien die angekündigten neuen Finanzierungsstrukturen künftig Mittel zwischen den einzelnen Versorgungsbereichen verteilen und wie die dafür erforderlichen zusätzlichen Investitionen langfristig abgesichert werden sollen. Ebenso müsse berücksichtigt werden, dass die Voraussetzungen für die Gesundheitsversorgung in einer Millionenstadt wie Wien grundlegend andere seien als in einem Flächenbundesland wie Niederösterreich. „Eine nachhaltige Gesundheitsreform muss den regionalen Gegebenheiten Rechnung tragen und ausreichend Spielraum für unterschiedliche Versorgungsmodelle lassen. Was in Ballungsräumen sinnvoll ist, kann nicht ohne Weiteres auf ländliche Regionen übertragen werden.“

Flexible Kassenverträge als richtiger Schritt

Positiv bewertet der Präsident der ÄKNÖ die angekündigte Flexibilisierung der Kassenverträge. „Moderne Vertragsmodelle, Job-Sharing, Teilzeit- und Karenzmodelle sowie neue Kooperationsformen sind seit Jahren zentrale Forderungen der Ärzteschaft. Sie werden dazu beitragen, mehr Ärztinnen und Ärzte für die Kassenmedizin zu gewinnen. Genauso wichtig ist aber, dass Einzelordinationen, Gruppenpraxen, Primärversorgungseinheiten und Primärversorgungsnetzwerke gleichwertig nebeneinander bestehen können,“ hält Schlögel fest. 

Arbeitsbedingungen, Ausbildung und Digitalisierung sind Zukunftsaufgaben

Aus Sicht der Ärztinnen- und Ärztekammer für NÖ wurden darüber hinaus mehrere zentrale Zukunftsthemen nicht ausreichend berücksichtigt. Dazu zählen insbesondere moderne und attraktive Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte mit einer spürbaren Entbürokratisierung, eine Ausbildungsoffensive mit ausreichenden Ausbildungsstellen und Zeitressourcen für die Ausbildung sowie eine umfassende Digitalisierungsoffensive. „Digitalisierung muss den Arbeitsalltag erleichtern und die Versorgung verbessern. Dafür braucht es Investitionen in eine moderne Gesundheitstelematik, eine österreichweite e-Health-Strategie und den gezielten Ausbau telemedizinischer Anwendungen,“ ist Präsident Schlögel überzeugt.

Ärzteschaft will Reformprozess aktiv mitgestalten

„Die Ärzteschaft hat in den vergangenen Monaten zahlreiche konkrete Reformvorschläge vorgelegt. Viele davon finden sich im nun präsentierten Papier leider nur ansatzweise oder auch gar nicht wieder. Gerade Niederösterreich zeigt jedoch, dass dort, wo Politik, Sozialversicherung, Krankenhausträger und Ärzteschaft partnerschaftlich zusammenarbeiten, tragfähige und praxisnahe Lösungen entstehen. Die Erfahrungen aus unserem Bundesland belegen, dass Reformen dann am erfolgreichsten sind, wenn jene eingebunden werden, die das Gesundheitssystem täglich mitgestalten. Wir werden uns daher weiterhin aktiv und konstruktiv in den Reformprozess einbringen und bieten unsere Erfahrung als Kooperationspartner an. Unser gemeinsames Ziel muss eine wohnortnahe, qualitativ hochwertige und auch langfristig finanzierbare Gesundheitsversorgung sein“, betont Schlögel abschließend.


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Wien, 2. Juli 2026